Die Menschenrechtler
Uno
Von Andreas Kunz und Eugen Sorg, Weltwoche
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In einer grotesken Debatte hat der Uno-Menschenrechtsrat der Schweiz Rassismus, Gewalt und Diskriminierung der Frau vorgeworfen. Für Bundesrätin Calmy-Rey ist die Kritik ein Erfolg. Mit der Uno im Rücken kann sie ihre Ziele endlich verwirklichen.
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Der vor zwei Jahren von der Uno
gegründete Menschenrechtsrat gab sich mit dem sogenannten Länderexamen ein neues
Instrument, das die Mängel der Menschenrechtskommission, seiner kläglich
gescheiterten Vorgängerin, beheben sollte. In periodischen Überprüfungen würde
jeder der insgesamt 192 Uno-Mitgliedstaaten auf seinen Menschenrechtsleumund
untersucht und mit entsprechenden Empfehlungen versehen werden. Nicht
paternalistisch-überhebliche Zurechtweisungen der notorischen Schurkenstaaten
und Schlägerregierungen durch die reichen westlichen Demokratien sollten diese
regelmässigen Zusammenkünfte prägen, sondern ein Dialog auf Augenhöhe. In dieser
Atmosphäre des gegenseitigen Respekts, so die Fantasie der Erfinder, würde der
Geist der Verständigung und der Toleranz gedeihen können, und mit der sanften
Wirkkraft einer erfolgreichen Gruppentherapie würde sich schliesslich ein Staat
nach dem anderen in die globale Lichterkette der Menschenrechtsherolde
einreihen.
Als einer der ersten Staaten wurde vor einer Woche im Beisein der
Aussenministerin Micheline Calmy-Rey die Schweiz durchleuchtet. Die dreistündige
Debatte im Uno-Gebäude in Genf war allerdings kein Beispiel eines heilenden,
herrschaftsfreien Diskurses, sondern glich eher einem absurden, kafkaesken
Stück. Die rund vierzig Diplomatinnen und Diplomaten hatten je zwei Minuten zur
Verfügung, um die Anregungen ihrer Länder vorzubringen. Ihre Voten waren
mehrheitlich von ideologischen und politischen Eigeninteressen bestimmt und
schwankten zwischen Groteske, Unehrlichkeit und Ignoranz. Sie zeichneten das
Bild einer Schweiz, die sich zwar um Besserung bemüht, aber sich in vielerlei
Hinsicht, was die Umsetzung der Menschenrechte betrifft, noch in
besorgniserregender Lage befindet.
Verschiedenste Länder mahnten daher die Schweiz an, so schnell als möglich eine
landesweite, «unabhängige Menschenrechtsinstitution» zu schaffen, welche die
Verstösse beobachten, melden und anprangern könnte. Die Betonung auf
«unabhängig» suggerierte, dass sie die bestehenden helvetischen Behörden und
Gesetze als «abhängig», das heisst als unfähig, parteiisch, verfault oder was
auch immer erachten. Die Empfehlungen kamen unter anderem von Ländern wie
Deutschland, Malaysia, Mexiko, Indien, Algerien, Saudi-Arabien oder Mauretanien,
einem hochkorrupten, von hausgemachten Hungersnöten und Sklavenwirtschaft
geprägten Staat, dessen verschleierte Vertreterin der Schweiz immerhin
zubilligte, im «Gender-Bereich» Fortschritte gemacht zu haben.
Ansonsten blieb die Geschlechterfrage eher eine Domäne westlicher,
offensichtlich feministischer Diplomatinnen. Slowenien rügte die Diskriminierung
der Frauen im Allgemeinen und die der Migrantinnen im Speziellen. Frankreich,
Holland und Grossbritannien kritisierten die Diskriminierung der
Homosexuellen, Lesben und Transsexuellen und forderten u. a. ein Gesetz, das
die Homo-Ehe legalisieren, und noch eines, das «Diskriminierung und Hassdelikte
aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität» ahnden würde.
Einen kleinen Trost hingegen gab es vom Vertreter Kanadas, ebenfalls ein
überzeugter Feminist. Er lobte die konsequente Verwendung einer
geschlechtsneutralen Sprache in den offiziellen Papieren der Schweiz.
Starke
Besorgnis des Irans
Kuba forderte Geld respektive die Erhöhung der Entwicklungshilfe von 0,4 auf 0,7
Prozent des Bruttoinlandprodukts; der Gesandte aus Haiti wollte wissen, warum in
Schweizer Haushalten die Verbreitung von Feuerwaffen so hoch sei wie sonst kaum
irgendwo auf der Welt, wo doch gleichzeitig die Selbstmordrate bei Jugendlichen
sehr hoch sei; Indien monierte das Fehlen eines Gesetzes gegen Sklaverei; und
verschiedene andere Nationen forderten eines gegen die Folter. Während
rätselhaft blieb, warum die Schweiz ausgerechnet einen Anti-Sklaverei-Erlass
braucht, wurde der Ruf nach einem Anti-Folter-Gesetz schnell verständlich.
So äusserten sich die meisten Redner besorgt über zunehmende
Fremdenfeindlichkeit, Ausländerdiskriminierung und rassistische Stimmung.
Islamische Länder wie Ägypten, Katar, Marokko beklagten die
menschenrechtswidrige Diskriminierung ihrer Religion, um wie gewohnt eine
angeblich zu weit gehende Meinungsfreiheit zu unterstellen. Russland wunderte
sich, dass in der Schweiz Parteien mit unverhohlen rassistischer Gesinnung legal
seien; Nigeria sah in der Tatsache, dass die meisten Redner das Thema Rassismus
und Xenophobie angesprochen hätten, den Beweis, dass Rassismus und Xenophobie
eine Realität in der Schweiz seien; und der Feminist aus Kanada wusste gar von
exzessiver, rassistisch motivierter Polizeigewalt gegen Ausländer zu berichten.
Eine Bündelung dieser Meinungen lieferte der Gesandte des Irans. Er drückte
zuerst seine Befriedigung darüber aus, dass die Schweiz in ihre neue Verfassung
den Zusatz aufgenommen habe, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich seien.
Dann äusserte er aber seine starke Besorgnis über die «Vorfälle rassistischer
Intoleranz» und die «anhaltenden feindseligen Einstellungen gegenüber Schwarzen
und Muslimen», die «wir in den jüngsten Jahren beobachtet haben». Angesichts der
Fälle von «Misshandlung und Folter» in «Polizeigewahrsam» und bei «Verhören»
müsse man festhalten, dass die Kantone bei ihrer Aufgabe, die Polizei zu
kontrollieren, versagt hätten. Und auch der Frauenhandel, die Prostitution, die
sexuelle Ausbeutung und die Gewalt, welche Migrantinnen in der Schweiz
riskierten, erfüllten ihn mit Sorge. Aber niemand sei perfekt, munterte der Mann
aus dem Gottesstaat, wo mutmassliche Ehebrecherinnen in einen Leinensack
gesteckt, in eine Grube gestellt und mit gezielten Steinwürfen an den Kopf
getötet werden, die Schweiz auf. Der Weg zur Verbesserung sei der «genuine und
konstruktive Dialog». Ein Dialog, wie «er bereits existiert» zwischen der
Islamischen Republik Iran und der Schweiz. Beide Partner «versuchen einander zu
helfen», um die Menschenrechtssituation in ihren Ländern zu optimieren.
Calmy-Rey hatte während der dreistündigen Sitzung zu verschiedenen Aussagen
Stellung bezogen, unter anderem zu den Frauendossiers und zu den Bemühungen zur
Integration von Ausländern. Groteske Unterstellungen wie diejenigen des Iraners
wies sie mit keinem Wort zurück. Zum Abschluss bedankte sie sich für den
«konstruktiven und offenen Dialog».
Die Munition zur Schweiz-Kritik hatten dem Uno-Menschenrechtsrat drei Berichte
unter anderem aus der Schweiz geliefert. Die offizielle Schweiz selber durfte in
einem «National Report» Stellung nehmen. Ein Bericht des Uno-Hochkommissariats
für Menschenrechte (UNHCHR) fasste das Urteil unabhängiger Uno-Experten über
die Schweiz zusammen. Und das gleiche UNHCHR verfasste auch einen Report aus den
eingegangenen Berichten der Nichtregierungsorganisationen (NGOs).
Vergleicht man die Voten in der Debatte mit den Informationen der Berichte,
zeigt sich, dass sich die Uno-Mitglieder hauptsächlich auf den elfseitigen
Report der NGOs stützten. Von 44 aufgeführten Punkten zur Lage der
Menschenrechte in der Schweiz beurteilen die NGOs 41 als negativ. Die Palette
reicht von einer generellen Kritik am Schweizer Föderalismus, der eine nationale
Menschenrechtspolitik verhindere, über den Einsatz von Tränengas und Gummischrot
der Polizeikorps bis hin zu «rassistischen und menschenfeindlichen
Medienkampagnen», die hauptverantwortlich seien für eine verschärfte
Migrationspolitik. Am Schluss des Berichts wird, immerhin, auf die lange
Tradition der Schweizer Menschenrechtspolitik verwiesen, und es wird für die
Initiative gedankt, die den Menschenrechtsrat überhaupt erst ermöglicht hat.
Im Anhang erscheint dann die Liste der NGOs, auf deren Informationen sich der
Bericht stützt. Diese umfasst insgesamt 34 Organisationen. An erster Stelle
aufgeführt ist die unbedeutende Organisation SOS Rassismus, die es im
vergangenen Jahr kurz zu zweifelhaftem Ruhm brachte, indem sie der Washington
Post die Geschichte des angeblichen «Dielsdorfer Kettensägemassakers» steckte
(Weltwoche 43/07). Ein Angolaner war damals in einer McDonald’s-Filiale von zwei
Unbekannten mit einer Kettensäge schwer verletzt worden.
Der angeblich rassistische Hintergrund der Tat konnte nie bewiesen werden – im
Gegenteil: Die fallführende Staatsanwaltschaft und die Polizei beklagten sich
über die «irreführenden» Aussagen des Opfers, der vom eigentlichen Motiv der Tat
ablenken wollte. Trotzdem erzählte die Zürcher Leiterin von SOS Rassismus,
Glenda Loebell-Ryan, die falsche Schilderung des Opfers der Journalistin der
US-Zeitung, die daraus in einem aufsehenerregenden Artikel einen dramatischen
«Anstieg von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus» in der Schweiz ableitete.
Neben Hilfswerken wie Swissaid, Caritas oder Terre des Hommes, die sich
eigentlich vornehmlich mit Auslandhilfe beschäftigen, äusserten sich vor allem
marginale, unbekannte Kleinstgruppen mit Namen wie «Coalition Post-Beijing»,
«Globale Initiative zur Beendigung der Prügelstrafe bei Kindern», «Stop Suicide»
oder «Pink Cross». Allein vier der Organisationen, die die Schweiz kritisieren,
tragen den Namen «Folter» im Namen («Aktion der Christen für die Abschaffung der
Folter»).
Statt sich gegen die Vorwürfe zu wehren, übernimmt Micheline Calmy-Rey in ihrem
eigenen Bericht sogar die Sichtweise der NGOs, um sie für innenpolitische Zwecke
zu benutzen. Der «National Report», der als objektive Stellungnahme der Schweiz
daherkommt, verrät immer wieder die weltanschaulichen Präferenzen Calmy-Reys und
ihres linksfeministischen Milieus und lieferte den schillernden Mitgliedern des
Menschenrechtsrates bequeme Steilvorlagen.
Forderungen
gleich selber formuliert
Während etwa Pakistan, das am selben Tag wie die Schweiz antreten musste, stolz
hervorhob, dass bei Minderjährigen auf die Todesstrafe verzichtet werde, beklagt
sich die Schweiz über die Beziehungen von Mann und Frau, die «im Alltag noch
weit von der tatsächlichen Gleichstellung entfernt» seien, und dies gelte
«insbesondere für Frauen, die – wie zum Beispiel Migrantinnen – besonders
anfällig» seien. Oder dass der «hohe Ausländeranteil an der ständigen
Wohnbevölkerung die Folge einer restriktiven Einbürgerung» und die Bekämpfung
von Rassismus eine «ständige Aufgabe der Schweizer Regierung» seien.
Oder dass die Fälle von «polizeilichen Übergriffen» zu «einem wachsenden
Problem» würden, ohne dass man es mit irgendwelchen Statistiken belegte. Oder
auch, wenn in perfektem Jargon das Mantra der Uno vorgebetet wird. Die Dynamik
der Globalisierung, steht im Bericht, erzeuge Identitätsspannungen, die wiederum
politisch ausgenützt würden. Doch nicht nur ein Wiederaufleben des Nationalismus
sei die Folge, sondern eine generelle Abwehr des Anderen – der Armen, der
Ausländer, der Kinder mit Familien ohne Niederlassungspapiere, der Behinderten.
In einem Anflug von vorauseilendem Gehorsam werden am Schluss des Reports gleich
noch mögliche Verbesserungsvorschläge formuliert. Unter dem etwas grossspurigen
Begriff «Konsultation der Zivilgesellschaft» sind angeblich mehr als hundert
NGOs, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände und religiöse Gemeinschaften zum
Entwurf des Reports befragt worden. Herausgekommen sind mirakulöserweise exakt
die Forderungen, welche die NGOs bereits im eigenen Bericht stellen und die
Mitglieder des Uno-Menschenrechtsrates in ihren Voten schliesslich ungeprüft
übernehmen konnten.
Nicht zufälligerweise forderte die handverlesene «Zivilgesellschaft» die
Schaffung einer nationalen Menschenrechtsinstitution mit weitgehendem Einfluss
auf die gesetzliche Gestaltung des Landes. Nicht nur würde eine solche
Einrichtung lukrative neue Posten für viele willige NGOler schaffen. Calmy-Rey
selber ist eine vehemente Befürworterin einer solchen Einrichtung. Sie würde ihr
und ihren Kreisen ein Instrument in die Hand spielen, mit dem sich unliebsame
Initiativen und politische Bewegungen wie die SVP leichter als völkerrechts- und
menschenrechtswidrig diskreditieren liessen.
Im Wissen um die Situation im eigenen Land und ausgestattet mit einem gesunden
Selbstverständnis, könnte die Schweiz die Kritik der Uno-Menschenrechtsexperten
getrost ignorieren. Stattdessen kündigten die Behörden bereits am Tag der
Veröffentlichung des verabschiedeten Berichts an, sechs Empfehlungen sofort
umzusetzen. So wollen sie unter anderem den Kampf gegen die angebliche
Fremdenfeindlichkeit weiter verstärken, die kuriose Idee einer nationalen
Institution für Folterprävention verwirklichen und «Gewaltanwendung mit
rassistischem Hintergrund durch Polizeikräfte vorbeugen», womit auch eine
Empfehlung des Dialogpartners Iran verwirklicht worden wäre.
Calmy-Rey und ihre Entourage sind ihrem Ziel einer Menschenrechtsinstitution als
Parallelorganisation zu den bestehenden Behörden nähergekommen. Über die Köpfe
der Leute hinweg, mit scheinbar hehren Absichten. Im Parlament wird künftig bei
Versuchen, föderalistische Freiheiten zu beschneiden oder die Volkssouveränität
auszuhebeln, wohl noch mehr mit Uno-Menschenrechtsargumenten gekämpft werden