Die Krise der Deutschen Industriebank zeigt den Paradigmenwandel der deutschen Finanzwelt: Die sonst auf Investitionskredite für den industriellen Mittelstand spezialisierte Bank stolperte über ihr Engagement in Spekulationen auf dem US-Immobilienmarkt, und löste so die „schlimmste Bankenkrise seit 1931“ aus.
Nichts könnte dieser Tage besser veranschaulichen, wie stark das Bankenwesen - nicht nur das deutsche - zum Sammelbeutel für Berufsspekulanten degeneriert ist, als die Vorgänge um die Deutsche Industriebank (IKB). Seit Wochen schon fallen Überschriften in der Wirtschaftspresse auf, in denen vor Auswirkungen der amerikanischen Hypothekenkrise auf Deutschland gewarnt, gleichzeitig aber auch immer Beruhigungstropfen mitgereicht wurden, es werde ganz so schlimm schon nicht kommen. Nun ist es doch passiert: am 30. Juli sorgten Hinweise, daß es größere Verluste auf dem amerikanischen Markt gegeben habe, für den Absturz der IKB-Aktien in Frankfurt um 15,7 Prozent.
Der Handel der Aktien wurde dann um 10 Uhr vormittags ausgesetzt, bis der größte Anteilseigner der IKB, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), ankündigte, sie interveniere mit einer nennenswerten Summe zur Stabilisierung der Lage. Aber auch das half zunächst nicht viel, denn die IKB-Kurse stürzten am Nachmittag um weitere 8 Prozent ab. Das Engagement der IKB in den USA im Umfang von insgesamt 12,7 Mrd. Euro sei ins Rutschen geraten, munkelte man in Börsenkreisen, aber man rede immer noch von einem „Einzelfall.“
Stückchenweise wurden dann weitere Einzelheiten nachgeschoben: die KfW nannte einen Interventionsbetrag von 8,1 Mrd. Euro, den man für die Absicherung der IKB zugesagt habe. Die Zusage sei in enger Absprache mit der Finanzmarktaufsicht Bafin gemacht worden. Diese außergewöhnliche Intervention der Staatsbank KfW sei berechtigt, denn die IKB nehme eine wichtige Rolle in der Finanzierung des industriellen Mittelstandes ein. Über sie würden 30 Prozent aller Mittelstandskredite der KfW an Firmen weitergereicht, und die Bank vergebe selbst fast so viele Kredite an den Mittelstand (14 Prozent der Kredite) wie die großen deutschen Privatbanken zusammen.
Das zeigt noch einmal auf, wie weit sich die privaten Banken inzwischen vom traditionellen Industriefinanzierungsgeschäft zurückgezogen haben. Ohne IKB, KfW und die Sparkassen gäbe es praktisch keine Mittelstandskredite mehr. Im Bereich der großen Betriebe des Mittelstandes betrage der Anteil der IKB sogar um die 33 Prozent.
Bekannt wurde inzwischen auch, Auslöser der Krise bei der IKB sei deren Fonds Rhineland Funding in den USA, der mit der Refinanzierung von Krediten über kurzfristige Wertpapiere in akute Schwierigkeiten geraten sei. Hier aber ist der Einstieg in die Welt der Casinos, denn Rhineland Funding ist eine sogenannte „Zweckgesellschaft“, für deren Aktivitäten amerikanische Gesetze kein nennenswertes Eigenkapital und keine ordentliche Bilanzierung vorschreiben, und so kam es, daß die IKB diese Gesellschaft in Delaware ansiedelte und mit nur 500 Dollar Grundkapital ausstattete.
Mit diesen 500 Dollar wurde dann mit Hilfe vielfältiger Verschachtelungen eine Finanzblase von 12,7 Milliarden Euro aufgebaut, aber darüber machte sich innerhalb der Finanzwelt niemand Gedanken, weil alle Banken solche Schattengeschäfte machten. Gewisse moderate Änderungen in den amerikanischen Gesetzen verlangten allerdings seit 2007 eine Kreditgarantie der Muttergesellschaft von Firmen wie der in Delaware, und die konnte die IKB in der zugespitzten Krisenlage Ende Juli nicht mehr aufbringen. Also mußte die KfW, mit 38 Prozent der Anteile größter Einzelaktionär der IKB, einspringen.
Die Krise der IKB ist aber beileibe kein „Einzelfall“. Warum hat die Bafin sonst Ende Juli plötzlich 20 ausgewählte deutsche Banken telefonisch über deren risikoreiche Engagements in den USA befragt? Ähnliche Befragungen fanden parallel in anderen europäischen Ländern statt, in Italien nahm dies sogar die Nationalbank wahr. Und wiederum wurde am Abend des 1. August stückchenweise bekannt, bereits am Sonntag, also am Tage vor dem Ausbruch der IKB-Krise, habe es eine Krisensitzung führender Bankiers mit der Bafin gegeben, und dabei soll Bafin-Chef Sanio gesagt haben, es habe große Gefahr bestanden, daß über die IKB die „schlimmste Bankenkrise seit 1931“ hätte ausbrechen können. Man erfuhr weiterhin, die Privatbanken und die Sparkassen stünden der KfW bei der Bewältigung der akuten Krise mit Milliardenbeträgen zur Seite.
Die Affäre um die IKB enthält auch den ironischen Aspekt, daß einer ihrer Fonds in Delaware den verlockenden Namen „Loreley Financing“ trug. Das allerdings hätte Investoren, die da in der Hoffnung auf große und schnelle Gewinne ihr Geld hineinsteckten, alarmieren sollen, denn die alte Rheinland-Sage von der langhaarigen Blondine Loreley, die mit ihrem „güldenen Haar“ und schönklingenden Gesang die Schiffer betört und mitsamt ihren Kähnen an den Klippen des Rheins kentern läßt, sollte eigentlich weltweit bekannt sein. Aber wilde Romantiker, wie sie heute zuhauf auf den hochspekulativen Finanzmärkten dem großen Geld nachjagen, nehmen die Klippen erst wahr, wenn es schon zu spät ist.
Rainer Apel