Aus der Neuen Solidarität Nr. 28/2007

  

Bio-Narretei ist ein Rezept für Hunger

Immer mehr Landwirte setzen auf Biotreibstoffe. Damit sind drastische Preissteigerungen, Hungersnöte und die Zerstörung der Böden programmiert. Die Nutznießer sind die Agrarkartelle.

 

Am Ende der Aussaat in den nördlichen Regionen in diesem Frühjahr zeigten sich die katastrophale Auswirkung des globalen Bioenergie-Wahnsinns an der enormen Ausweitung des Maisanbaus, dem Rückgang der weltweiten Weizenreserven und den Preisschocks bei allen Produkten der weltweiten Nahrungsmittelkette. Die Transportwege, die Wasserversorgung und andere Systeme der Infrastruktur sind bis an ihre Leistungsgrenzen belastet. Die Fruchtbarkeit des Ackerbodens selbst steht auf dem Spiel. Zur gleichen Zeit erzielt die Spekulation mit Weizen-Futures - den sogenannten „Papier-Garben“ -  an der Chicagoer Börse neue Höchststände. Und Farmer werden angetrieben, beim „Handel mit Kohlenwasserstoff-Emmissionsrechten“ und anderen Finanzspielchen mitzuzocken. Genau darum geht es.

Dies alles ist Teil des „großen Bioenergie-Casinos“ - ein finanzieller Schwindel, der großen Schaden anrichtet. Das ganze Geschwätz von Energieunabhängigkeit, Klimaschutz oder Wiederbelebung des ländlichen Raums ist nichts als heiße Luft. In Wirklichkeit werden die Bedingungen für Hunger geschaffen.

 

Drei Aspekte des Bioenergiewahnsinns unterstreichen die Bedrohung für die Nahrungsmittelversorgung: 1. Das Ausmaß, zu dem landwirtschaftliche Anbaufläche von der Nahrungsmittelerzeugung auf andere Produkte umgewidmet werden. 2. Das niedrige Niveau, auf das die weltweiten Weizenvorräte abgesunken sind, und 3. die gegenwärtige Marginalisierung von landwirtschaftlichen Regionen als Folge der jahrzehntelangen Globalisierung und der heutigen Schwindeloperation um die Klimakatastrophe. Die Einzelheiten über jeden dieser drei Aspekte werden später erläutert; die Auswirkungen sind jedenfalls erheblich.

Trotz alledem ziehen sowohl der US-Kongreß als auch Institutionen anderer landwirtschaftlich orientierter Nationen es vor, die Gefahren für die Nahrungsmittelversorgung zu ignorieren, zum Vorteil der finanziellen und landwirtschaftlichen Kartelle, die den Rausch um Bioenergie anheizen. Es erscheint daher als Ironie, daß sogar Cargill und andere Kartelle, die den globalen Markt für Nahrungsmittel und Bioenergie kontrollieren, selbst vor Verknappung von Nahrungsmitteln warnen. Sie werden es wissen.

 

Die London Times vom 29. Mai gab einen guten Überblick über solche Warnungen der Kartelle wie Tysons, Cargill, und anderer. Gregory Page, der neue Chef von Cargill, sagte: „Das große Risiko besteht darin, daß wir jetzt die Saat für unbeabsichtigte Konsequenzen ausbringen“, und er wies auf die Verzerrungen durch die Landnutzung für Bioenergie und auf die Möglichkeit schlechter Erträge durch wetterbedingte Ernteprobleme hin.“

 

Der bis heute größte Schock für das Nahrungsmittelsystem war die Tortillakrise in Mexiko; bis Dezember 2006 waren die Preise für Mais, der Grundlage für die Tortillas, um 60 % explodiert. In den USA und anderen Ländern schnellen die Preise für Tierfutter - für Rinder, Hühner und Schweine - in die Höhe. Die Hilfsorganisationen der Welt versuchen, mit dem Problem steigender Preise für ihren Nachschub fertig zu werden. Trotzdem, wenn es bei der gegenwärtigen Wachstumsrate der amerikanischen Äthanolproduktion bleibt, könnte im Jahr 2008 die Hälfte der US-Maisernte für die Äthanolproduktion verschwendet werden!

 

Nahrungsmittel werden mißbraucht!

 

Im Jahre 2000 gingen 6% des amerikanischen Maisanbaus in die Äthanolproduktion. 2005 war dieser Anteil auf 14 % hochgeschnellt; 2006 wurden schon 20% für die Produktion von Treibstoff verwandt, so viel, wie in den vergangenen Jahren durchschnittlich aus den USA exportiert wurde.

 

Laut Vorausberechnungen des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums (USDA) werden 2007 voraussichtlich 27 % der Maisernte zu Äthanol verarbeitet, und der Maisexport wird auf 19 % zurückgehen. Angesichts der Tatsache, daß die USA für ca. 40 % des gesamten weltweit gehandelten Maises aufkommt, bedeutet dieser Rückgang automatisch ein schwerwiegendes Versorgungsproblem weltweit.

 

Am 11. Mai war der erste Jahresbericht des USDA „Die weltweite Versorgungs- und Nachfrage-Lage in der  Landwirtschaft“ veröffentlicht worden, der auch die Ernteprognosen für die amerikanische Landwirtschaft aufstellte. (Ab Juli werden diese Berichte monatlich veröffentlicht, nach der Weizenernte und während der Wachstumszeit auch für die anderen Getreidearten). Der USDA-Bericht vom 11. Mai schätzt die Maisaussaat für dieses Jahr auf 90.454 Mio. ha, ein Anstieg um 13 % auf 78.45 Mio. ha gegenüber dem Vorjahr, der damit den Stand des Jahres 1944 erreicht, als der Hektarertrag viel niedriger war als heute. Regional wird das Saatgut für Mais bereits knapp. Auf einem Teil der Anbaufläche für Mais wurden bisher Sojabohnen und Weizen angebaut. Das Landwirtschaftsministerium schätzt, daß die amerikanische Sojabohnenproduktion dieses Jahr um 14 % gegenüber dem letzten Jahr zurückgehen wird.

 

Derselbe Umschichtungsprozeß betrifft auch andere Sorten weltweit. Zum Beispiel befinden sich Indonesien und Malaysia in den Fängen einer verrückten, kartellartigen Gruppe, die einen Rausch für den Export von Palmöl-Biodiesel nach Europa ausgelöst hat. In den vergangenen Jahren lieferten diese beiden Länder 85 % des Weltangebots von rohem Palmöl, das zum beträchtlichen Teil der asiatischen Bevölkerung als Speiseöl diente und einen wichtigen Bestandteil des asiatischen Speisezettels ausmacht. Und jetzt beginnt die Verlagerung auf Biodiesel.

 

In Malaysia wurde so viel Wald für neue Palmöl-Plantagen gerodet, daß die Nation jetzt nach Expertenschätzung die Grenzen der Landnutzung für den Palmanbau erreicht hat. Auch Indonesien verlegt sich auf die Produktion von Palmöl. Inzwischen wird so viel Land für den Anbau von Palmöl oder andere Biotreibstoff-Sorten verwandt (wie Zuckerrohr und Jatropha) - ein hoher Teil davon ist Moorland -, daß man gigantische Rauchschwaden aufsteigen sieht, wenn das Land gerodet und das Baumholz verbrannt wird.

 

Am 8. Mai veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Bericht mit einer eindringlichen Warnung vor den schädlichen Auswirkungen des Bioenergiewahns auf die Nahrungsmittelversorgung und auf die Armen generell. Das Dokument „Erneuerbare Energie: Ein Rahmen für Entscheidungsträger“ gab eine genaue Aufstellung der drastischen Ausweitung des Anbaus von Bioenergie-Sorten unterschiedlichster Art: Palmöl, Mais, Zuckerrohr und Ölsaaten, wodurch die lokale, traditionelle Landwirtschaft verdrängt und neue Flächen unter den Pflug genommen werden. Während der Bericht ansonsten die typische UN-Haltung „für Alternativenergie und eine nachhaltige Umwelt“ vertritt, konstatiert er auch: „Die Anwendung von Monokulturen könnte zu einem signifikanten Verlust der biologischen Sortenvielfalt, zu Bodenerosion und zum Auslaugen von Nährstoffen führen. Selbst wechselnde Fruchtfolgen könnten sich negativ auswirken, wenn sie unkultivierte Wälder oder Grasflächen verdrängen.“

 

Niedrige Nahrungsmittelreserven weltweit

 

Diese Veränderungen in der Orientierung der Landwirtschaft vollziehen sich zu einem Zeitpunkt, da die Nahrungsmittelreserven der Welt einen Tiefpunkt erreicht haben. Der USDA-Bericht vom 11. Mai projizierte, daß die Getreide-Reserven insgesamt (Weizen, Reis, Mais) für das Erntejahr 2007/2008 auf 305.08 Mio.t sinken und damit erheblich unter dem Niveau von 319.79 Mio.t für das Erntejahr 2006/07 und weit unter dem von 2005/06 (390.14 Mio.t) liegen werden.

 

Angesichts dieser niedrigen Vorräte und der radikalen Umschichtung in Richtung Bioenergiesorten ist eine Hungersnot vorprogrammiert, sobald eine der Kornkammern der Welt von einer Schlechtwetterperiode oder einer Pflanzenkrankheit heimgesucht wird. Die australische Weizenernte brachte wegen der Dürre im Erntejahr 2006/07 nur die Hälfte des normalen Ertrages.

 

Was Pflanzenkrankheiten betrifft, so ist der von Weizenexperten lange befürchtete Schwarzrost gerade ausgebrochen. Der Schwarzrost Puccinia graminis ist in Ostafrika festgestellt worden, nachdem er 1999 erstmals in Uganda aufgetaucht war. Unter der Bezeichnung Ug99 hat sich der Erreger seither nach Kenia und Äthiopien ausgebreitet, seit Ende 2006 in den Jemen gewandert und befindet sich nun auf dem Weg nach Südasien. Dieser Pilz breitet sich in Richtung auf die Gegenden aus, in der mindestens 25% der Weltweizenernte angebaut werden.

 

Wissenschaftler haben seit Jahrzehnten auf den Ausbruch einer solchen Erkrankung gewartet, nachdem mutierte Mikrobenarten die bisher gegen Rost resistenten Weizensorten, die man seit 40 Jahren weltweit anbaut, befallen hatten. Diese Sorten waren  durch wissenschaftliche Durchbrüche in den Forschungszentren der „Grünen Revolution“ gezüchtet worden, die auf Initiative des Vizepräsidenten und Landwirtschaftsministers unter Roosevelt, Henry Wallace, entstanden waren.

 

Hätte man die Pläne zur Überwachung und Bereitstellung von Virenplasmen eingehalten, hätte das Auftauchen von Ug99 keine so große Gefahr bedeutet. Aber in den vier Jahrzehnten Globalisierung, in denen die Agrarkartelle das Heft in der Hand haben, wurde die finanzielle Ausstattung für die Bekämpfung von Pflanzen- und Tierkrankheiten drastisch zurückgeführt. Das internationale Zentrum zur Verbesserung der Mais und Weizen-Produktion (CIMMYT) in Mexiko, ein Ursprungsort der „Grünen Revolution“, leidet unter einem chronischen Finanzierungsproblem. Sein Gründer, der Nobelpreisträger und Schöpfer der „Grünen Revolution“, Dr. Norman Borlaug, hat mehrfach Warnungen herausgegeben: „Wenn wir den Ug99 nicht eindämmen, wird er zig Millionen Landwirte und Hunderte von Millionen Verbraucher ruinieren.“

 

Marginalisierung von Landwirten, Böden und Agrarpotential

 

Aber warum machen Landwirte bei der Bio-Narretei mit, wo es doch die meisten von ihnen besser wissen? Sie versuchen zu überleben und sich an die Bedingungen anzupassen, die unter dem jahrzehntelangen, von der Globalisierung diktierten Regime niedriger Preise geschaffen wurden, anstatt einer Politik nationaler Nahrungsmittelsicherheit zu dienen. Gemessen an ihren Produktionskosten sind Landwirte überall über Jahrzehnte hinweg für ihre Produkte unterbezahlt worden, weil die Kartelle den angeblich „freien Markt“ beherrschen. Die amerikanischen Familienbetriebe arbeiten nur noch, weil sie außerbetriebliche Einkünfte haben. Selbst als der Futures-Preis für amerikanischen Mais auf den vielbejubelten Stand von 4 $ pro (US-)Scheffel (rund 25,4 kg) gestiegen war, also auf das Doppelte des Preises vor 18 Monaten, deckte das die Produktionskosten der Landwirte nicht annähernd. Dafür wäre ein Paritätspreis von 7-8 $ notwendig. Aber für einen Landwirt, der Vieh züchtet und für sein Fleisch unterbezahlt wird, sind 4 $ für einen Scheffel Maisfutter tödlich. (Nur zur  Klarstellung: Ein Scheffel Mais kostete auch 1996 und zu anderen Zeiten in der Vergangenheit schon 4 $. Die Schuldzuweisung, daß zu hohe Maispreise für zu hohe Nahrungsmittelpreise verantwortlich seien, ist ein typischer Propagandatrick des Wall Street Journal.)

 

Die Frage der Kostendeckung für einen Scheffel Mais ist typisch für die Art, wie alle Bereiche der Landwirtschaft und der Nahrungsproduktion, die sich alle verschlechterten, zusammenhängen. Die Fruchtbarkeit der Böden selbst ist nun gefährdet.

 

„Kein Boden, kein Essen, kein Treibstoff“ lautet der Titel eines Artikels der Mai/Juni-Ausgabe der amerikanischen Landwirtschaftszeitschrift Successful Farming, (www.agriculture.com), der die Frage aufwirft, was angesichts des Äthanol-Booms mit den Bodenressourcen in den USA passieren wird. Ein Begleitartikel „Rettet die Haut der Erde“, beginnt: „Verhökern wir billiges Öl für billigen Ackerboden? Die Industrie drängt darauf, daß mehr Mais angebaut wird, um Treibstofftanks und auch Mägen zu füllen, doch diese Frage stellen sich viele. Die aufkeimende Gefahr lautet: Wenn die gesamte Biomasse permanent vom Land genommen wird, nicht nur die Mais- und Weizenernte, sondern auch das Mais- und Weizen-Stroh und das Switch-Gras, dann wird dem Boden keine Biomasse zurückgegeben. Wie lange wird es dauern, bis die Erdkruste, die dünne Schicht, die das biologische Leben auf diesem Planeten trägt, langsam verschwindet?“

 

Gullivers Reisen, „Kohlenstoffanbau...“

 

Zu der Verwundbarkeit der Nahrungsmittelversorgung gesellt sich die Zerstörung der landwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, die durch Schildbürgerstreiche wie den Treibstoffanbau und den An- und Verkauf von „Emissionsrechten“ weiter gemindert wird. Selbst Gulliver wäre erstaunt.

 

Das Landwirtschaftsministerium, der Nationale Bauernverband und andere Institutionen sind Teil der Parade für den von Al Gore und Schwarzenegger inszenierten Schwindel des CO2 -Handels und des Systems, wonach auch Privatpersonen CO2-Rechte kaufen und verkaufen dürfen.

 

Die Chicagoer Klimabörse (CCX) wurde 2003 als amerikanisches Gegenstück zur Londoner InterContinental Exchange Inc. (ICE) aufgebaut, dessen Nebenstelle die International Petroleum Exchange ist. Sie ist berüchtigt, weil sie die Kosten für Öl rein spekulativ um geschätzte 25 % pro Barrel in die Höhe getrieben hat.

 

Die CCX/ICE ist wiederum mit der Europäischen Klimabörse verbunden. Der Chef der Chicagoer Börse Richard L. Sandor leitete früher die Handelskammer in Chicago und war der „Erfinder“ aller erdenklichen, wilden Formen der Finanzspekulation, einschließlich der Wetter-Futures und der CMOs (verpfändete Hypothekenpapiere), deren Schuldenpyramide gerade zusammenbricht. Zu den großen Finanzinteressen, die an der Klimabörse führend sind, gehört Goldman Sachs, ein prinzipieller Anteilseigner, der auch im Jahre 2004 Al Gores eigenen Hedge Fonds Generation Investment Management in London installierte.

 

An der CCX, die als Pilotprojekt für einen voll funktionierenden CO2-Handel dient, sind das Landwirtschaftministerium von Iowa und die Vereinigung der Maisbauern in Kentucky als Mitglieder beteiligt. Sie stimmten zu, Kohlenstoffe aus der Landwirtschaft zum Handel freizugeben. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) erklärt in seiner Werbebroschüre, wie der Kohlenstoffhandel für die Landwirte funktionieren soll: „Kohlenstoffanbau: Eine neue Feldfrucht, die den Landwirten und dem Klima hilft: Landwirte, die den Vorrat von Kohlenstoff im Boden und in Bäumen erhöhen wollen, können Kredite erhalten. Die Produzenten können dann ihren Kredit an andere (z.B. an Elektrizitätsunternehmen), die sie kaufen wollen, um ihre eigene Treibhausgas-Bilanz auszugleichen, verkaufen.“

Die Verlockung für die Landwirte lautet: Setzt auf Öko! Die Broschüre des USDA sagt über den Kohlenstoffhandel ganz offen: „Er könnte den Landwirten auch neue, zusätzliche Einkommensquellen eröffnen.“

Marcia Merry Baker