Für Sie gelesen in der Weltwoche Nr. 42.07 vom 18.10.2007
Israelische Investoren
Landnahme im grossen Stil
Von Pierre Heumann
Israelische Investoren kaufen massiv Schweizer Geschäftsliegenschaften ein. Sie besitzen Immobilien im Wert von vier Milliarden Franken. Ein «Mega-Deal» mit Jelmoli steht bevor.
Sie kommen, sehen und kaufen.
Von Genf bis Zürich reissen sich Investoren aus Israel die besten
Geschäftshäuser und Einkaufszentren gleich reihenweise unter den Nagel.
Immobilienexperten sind sich einig: Die Israelis sind momentan die auffälligste
ausländische Käufergruppe am Schweizer Markt für kommerzielle Liegenschaften. In
den vergangenen drei Jahren haben sie sich mit bis zu vier Milliarden Franken in
diesem Segment engagiert. Sollte der «Mega-Deal» mit Jelmoli noch zustande
kommen, würden es gar mehr als sechs Milliarden Franken sein.
Dabei geht es um ein Immobilienportefeuille, das zwei Israelis für 3,4
Milliarden Franken erwerben wollen. Der Vertrag ist zwar bereits unterschrieben.
Doch wegen der Kreditkrise an den Finanzmärkten fordern die Geschäftsleute aus
dem Nahen Osten einen Preisnachlass von Jelmoli. Das prüft nun der Schweizer
Detailhandelskonzern. Aber auch ohne dieses Portefeuille spielen die Israelis
mittlerweile in derselben Liga wie angelsächsische Anleger. Was zieht sie in die
Schweiz?
Die Namen der israelischen Immobilieninvestoren sind der Öffentlichkeit
hierzulande zwar noch kaum bekannt. Aufgrund ihrer Relevanz sollten sie jedoch
mindestens so geläufig sein wie diejenigen von ausländischen Grossanlegern wie
August von Finck, Georg Stumpf oder Viktor Vekselberg. Den israelischen
Geschäftsleuten Igal Ahouvi, Yitzhak Tshuva, Alfred Akirov oder Nathan Hetz – um
nur die bedeutendsten zu erwähnen – ist nicht bloss der blaue Pass mit dem
siebenarmigen Leuchter gemeinsam. Sie verstehen sich als internationale
Immobilieninvestoren, die nun in der Schweiz globale Massstäbe setzen wollen,
sprich hohe Renditen erzielen und mit einzelnen Objekten gezielt spekulieren.
Damit übernehmen die Israelis eine Vorreiterrolle. «Sie denken unternehmerisch
und entscheiden sehr rasch», sagt Matthias Arioli vom
Immobilien-Beratungsunternehmen Wüest & Partner in Zürich. Das unterscheide sie
von traditionellen Pensionskassenverwaltern, die für jede Investition eine Reihe
von Instanzen anfragen müssten. «So akzeptieren sie auch höhere Risiken als
andere Anleger», folgert Roger Marks von der weltweit führenden Maklerfirma
Jones Lang LaSalle.
Möglich ist das Engagement ausländischer Kapitalgeber in der Schweiz bereits
seit 1998. Damals wurde die Lex Koller gelockert, womit eine wichtige Schranke
fiel: Das Kaufverbot für Ausländer gilt seither nur noch bei Wohnliegenschaften.
Doch erst seit drei bis vier Jahren nutzen Investoren ohne Schweizer Pass die
neuen Möglichkeiten – in den vergangenen Monaten zunehmend intensiv. Zu den
prominentesten Israelis am Schweizer Immobilienmarkt gehört Nathan Hetz, Chef
der Firma Alony Hetz aus Ramat Gan, einer hektischen Vorstadt Tel Avivs. Alony
Hetz ist bei PSP Swiss Property eingestiegen, einer der grössten börsenkotierten
Immobilienfirmen der Schweiz. Mit einem Anteil von derzeit 16 Prozent ist die
Firma Alony Hetz die bedeutendste Einzelaktionärin bei PSP. Das Schweizer
Unternehmen besitzt hierzulande mehr als zweihundert Geschäftsliegenschaften,
darunter etwa das Hürlimann-Areal in Zürich oder das Lugano-Paradiso-Areal im
Tessin.
Beachtlich sind auch die Aktivitäten der Firma Electra Real Estate, die der
Israeli Gershon Salkind präsidiert. Sie hat im März an der Genfer Rue Ferdinand
für zwanzig Millionen Franken die Hälfte eines siebenstöckigen Bürohauses
erworben, das renoviert und später vermietet werden soll. Vor einem Jahr
sicherte sich die Gruppe auch die Mehrheit am Fernmeldezentrum der Swisscom an
der Aargauerstrasse in Zürich und mobilisierte dafür 110 Millionen Franken.
Gross eingestiegen in der Schweiz ist auch die Gruppe Alrov Properties, die dem
israelischen Finanzmann Alfred Akirov gehört. Sie listet im Geschäftsprospekt
ein knappes Dutzend Einkaufszentren auf – zum Beispiel den Tägipark in Wettingen
AG, das Volki-Land in Volketswil ZH oder den Wiggispark in Netstal GL, zudem ein
75000 Quadratmeter grosses Logistikzentrum in der Westschweiz und (seit kurzem)
Bauland mit Seeanstoss für ein luxuriöses Bürogebäude in Lausanne VD.
Ebenfalls in Lausanne hat sich im Sommer einer der einflussreichsten
israelischen Tycoons engagiert: Yitzhak Tshuva. Er kaufte, zusammen mit seinem
Partner Igal Ahouvi, das World Trade Center in der waadtländi-schen
Kantonshauptstadt. Insgesamt kontrolliert Tshuva ein Schweizer
Immobilienportefeuille von knapp einer halben Milliarde Franken – dazu gehören
mehrere Detailhandelsfilialen sowie Bürohäuser, die an so solvente Mieter wie
die Universität Zürich, den Bund oder die Credit Suisse vermietet sind.
Der grösste israelische Investor hierzulande ist jedoch der 54-jährige
Geschäftsmann Igal Ahouvi. Er hat in der Schweiz während der vergangenen zwei
Jahre Transaktionen im Wert von mehr als einer Milliarde Franken abgewickelt,
sagt sein Berater Andreas Wirz von der Firma Rossberg Capital in Zug. Erst vor
Wochenfrist fand die Eigentumsübertragung für ein Swisscom-Gebäude in
Ostermundigen BE statt – eine Investition von mehr als sechzig Millionen
Franken.
Auslandinvestitionen sind erwünscht
Ebenfalls in Ostermundigen entsteht derzeit sein neustes Projekt: das rund
sechzig Millionen Franken teure Einkaufszentrum Mösli Ost, das 2008 eröffnet
werden soll. Als Mieter konnte der Israeli bereits den deutschen
Detailhandelskonzern Aldi sowie ein Zentrum der schweizerischen Post gewinnen.
Unweit davon befindet sich der Sitz der Direktion für Entwicklung und
Zusammenarbeit (Deza); er gehört ebenfalls zum Imperium Ahouvis. Für den
Beamtentempel aus Granit hat er mehr als 150 Millionen Franken bezahlt. Darüber
hinaus hält er zahlreiche Minderheitsbeteiligungen an diversen Coop-Filialen
sowie ein Hundert-Millionen-Franken-Objekt an der Binzmühlestrasse in
Zürich-Oerlikon. Dort ist ein Teil der Universität Zürich eingemietet.
In die Schlagzeilen geriet der medienscheue Ahouvi allerdings erst, als er,
zusammen mit seinem Partner Tshuva, Ende Juli den Zuschlag für das
Immobilienportefeuille des Jelmoli-Konzerns erhielt – «der grösste
Immobi-liendeal, den die Schweiz je gesehen hat», wie ein Zürcher Branchenkenner
sagt. Seit der Vertragsunterzeichnung Ende Juli haben sich die Bedingungen auf
den internationalen Kreditmärkten indessen grundlegend verändert. Das hat die
Immobilienpreise vor allem in diesem Segment belastet. Bei Redaktionsschluss
stand zwar noch nicht fest, ob Jelmoli mit einem tieferen Erlös einverstanden
sein wird. Sicher ist aber, dass Ahouvi & Co. in den nächsten Monaten laufend
neue Objekte aufspüren werden. Denn Israel, wo sie ebenfalls Milliarden
investiert haben, ist ihnen zu klein geworden. Und nebenbei bemerkt: Aus der
Sicht des israelischen Notenbankchefs sind die Auslandsinvestitionen sehr
erwünscht, weil das Land einen hohen Zahlungsbilanzüberschuss aufweist.
Investoren wie Ahouvi hätten schon vor einiger Zeit realisiert, dass der
Immobilienmarkt zum Beispiel in England überhitzt sei, sagt ein Zürcher Banker.
In seinem bisher einzigen Interview, das Ahouvi vor zwei Jahren dem britischen
Magazin Property Week gab, sagte er: «Man kann in England nicht mehr kaufen.
Vielleicht können es die Iren oder Araber, aber für mich ist es zu teuer
geworden.» Als Alternative entschied er sich für die Schweiz; attraktiv stufen
er und seine Branchenkollegen mittlerweile auch West- und Osteuropa, Nordamerika
sowie Indien ein. Oft spannen die Israelis zusammen: Ahouvi hat sich bei Firmen
von Tshuva beteiligt. In anderen Fällen ist die Partnerschaft projektbezogen.
Fast täglich publiziert die israelische Presse Meldungen über neue Transaktionen
in ausländischen Immobilienmärkten: Tshuva kauft das «Plaza Hotel» in New York
und baut einen Luxustempel in Las Vegas, Ahouvi steigt im Hinblick auf die
Olympischen Spiele von 2012 in London bei englischen Hotelketten ein und lässt
sich ein Gebäude der Technischen Universität Berlin überschreiben. Electra Real
Estate kauft Bürohochhäuser in Köln oder Toronto und treibt Projekte in Indien
voran. In ihren Portefeuilles streben die global agierenden Hauswirte stets auch
den geografischen Risikoausgleich an. Ein Kauf in Indien oder Bulgarien mag
abenteuerlicher sein als ein Engagement in Westeuropa, doch dafür ist die
Rendite höher und von den übrigen Märkten wenig beeinflusst.
In der Schweiz setzen die israelischen Investoren auf langfristige Mietverträge
und finanzieren die Investition mit einem hohen Fremdkapitalanteil von bis zu 95
Prozent, sagt ein Zürcher Banker, der einige Käufe begleitet hat. Für beides
eignet sich die Schweiz mit ihren stabilen und sicheren Verhältnissen bestens.
«Nach zwei bis drei Jahren hat die Miete das eingesetzte Eigenkapital längst
eingespielt – oftmals sogar noch mehr», sagt der Banker. Das schätzen die
Israelis an der Schweiz.