Viele der Schulden aus Hochrisikoanleihen, mit denen „Heuschreckenfonds“ ihre feindlichen Übernahmen finanziert haben, sind inzwischen unverkäuflich. Vor allem führende Investmentbanken bleiben jetzt auf diesen Schulden sitzen und geraten dadurch in Schwierigkeiten.
Der Stillstand auf den globalen Kreditmärkten - ausgelöst durch den Kollaps der Schuldenblase amerikanischer Privathaushalte - dürfte sich von einem Zeitlupenkollaps in einen gigantischen Crash verwandeln, wenn in naher Zukunft eine oder mehrere große Investmentbanken untergehen sollten.
Die reale Gefahr hierfür entstand in den Marktturbulenzen der Woche nach dem 23. Juli, als deutlich wurde, daß viele „feindliche“ Übernahmen großer Konzerne auseinanderfallen würden und infolgedessen die internationalen Großbanken auf möglicherweise Hunderten von Milliarden Dollar an Ramschanleihen sitzen bleiben könnten, die sie am Markt nicht mehr loswerden. Bear Stearns, Morgan Stanley, Lehman Brothers und Goldman Sachs sind die Banken mit den meisten notleidenden Ramschanleihen, und sie würden die Verluste wohl am härtesten treffen, wie die Londoner Financial Times am 27. Juli alarmiert meldete.
Nachdem diese Märkte am laufenden Band Großfusionen und Übernahmen produziert und so auch die Aktienmärkte 2007 massiv nach oben getrieben hatten, war es keine Überraschung, daß die gleichen Aktienmärkte in der Woche nach dem 23. Juli einzubrechen begannen.
In seiner Rede beim Internetforum in Washington hatte Lyndon LaRouche am 25. Juli nachdrücklich betont: „Das Weltwährungs- und -finanzsystem befindet sich aktuell im Prozeß der Desintegration. Daran ist nichts Geheimnisvolles... Was in den Finanzmärkten als Aktien- und Marktwerte geführt wird, ist ein reines Trugbild! Das sind rein fiktive Bewertungen... Nur ein grundlegender und plötzlicher Wandel im Weltwährungs- und -finanzsystem wird noch einen sofortigen kettenreaktionsartigen Kollaps verhindern. Mit welchem Tempo er verläuft, wissen wir nicht, aber er wird weitergehen und sich nicht aufhalten lassen. Und je länger er anhält, desto schlimmer werden die Dinge werden.“
Schon am 27. Juli, eine Woche nach dem „Erlahmen“ der internationalen Kapitalmärkte, scheinen die führenden Zentralbanken der Welt unfähig zu sein, etwas gegen die weitere Austrocknung der Kreditmärkte zu unternehmen. Die japanische Zentralbank scheute sich, die Zinsen zu erhöhen, weil sie fürchtet, damit den Yen-Carry-Trade zum Erliegen zu bringen und einen Dollarkollaps auszulösen. Die Federal Reserve wollte aus dem gleichen Grund keinerlei Spekulationen über Zinssenkungen abgeben - trotz rückläufiger Eigenheimverkäufe, sinkenden Autoabsatzes, sinkender Industriegüterbestellungen und -beschäftigung - und machte sich lieber daran, die BIP- und Arbeitsmarktzahlen zu schönen, um ihre Untätigkeit zu rechtfertigen.
Die Bank von England und die Europäische Zentralbank, die die Zinsen angehoben hatten, sahen sich infolge der Krise zu der Mitteilung veranlaßt, keine weiteren solchen Schritte zu erwägen. Der Weltwährungsfonds veröffentlichte am 25. Juli eine „Aktualisierung seines Jahresberichts“, in dem ausdrücklich eine globale Kreditverknappung abgestritten wird, obgleich „gefährliche Risiken“ aufgetaucht seien.
Mittlerweile hat sich überall herumgesprochen, daß der akute Verfall der Finanzmärkte durch die Kernschmelze der 12 Billionen Dollar großen Hypothekenblase des US-Immobilienmarktes und den anschließenden Zerfall der Hypothekenkredite (MBS, ein Markt mit 6 Billionen Dollar) sowie der davon abgeleiteten „besicherten Schuldenobligationen“ (MBOs, weitere 3 Billionen Dollar) ausgelöst wurde. Milliardenschwere Hedgefonds machen in wöchentlichem Abstand pleite, und die Fonds des Credit Suisse/Tremont Hedge Index haben insgesamt in diesem Jahr bereits 7,5% verloren. Die Überdehnung der privaten Schuldenblase läßt bereits die Autoverkäufe, Arbeitsplätze, die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern und andere realwirtschaftliche Indikatoren in den Keller rutschen.
Und die Ausgangslage verschlechtert sich rapide weiter. Nach Bekanntgabe neuer erheblicher Rückgänge beim Verkauf von US-Eigenheimen im Juni hat Moody’s Economy.com, die Wirtschaftsabteilung der Ratingagentur, am 27. Juli eine düstere neue Analyse des Hypothekenkreditmarktes von ihrem Chefökonomen Mark Zandi verbreitet. Darin wird angekündigt, daß der Kollaps des Immobilienmarktes noch mindestens ein weiteres Jahr anhalten werde, so daß anschließend die Eigenheimpreise um durchschnittlich 10% unter dem Stand von Anfang 2006 liegen würden. Solch einen Preiseinbruch hat es seit Anfang der 30er Jahre während der Großen Depression nicht mehr gegeben. Moody’s sagt auch voraus, daß infolgedessen die Arbeitslosigkeit ansteigen werde. Nur zwei Tage zuvor hatte der Chef von Countrywide, dem größten amerikanischen Hypothekengeber, geäußert, die Lage auf dem Eigenheimmarkt sei seit der Großen Depression ohne Beispiel.
Außerdem errechnete Zandi, daß bis Sommer nächsten Jahres 3,6% aller amerikanischen Hypotheken - mit guter wie mit schlechter Bonität - nicht mehr bedient und in zwei Jahren 2,5 Millionen weitere Hausbesitzer allein bei ihren Ersthypotheken in Verzug geraten würden. Zweite Hypotheken - d.h. Eigenheimkredite und andere Beleihungsformen des Grundbesitzes - gerieten nach Darstellung von Countrywide vom 25. Juli mit 4,8% noch schneller in Verzug.
Der Markt für die verbreitetsten Hypothekenanleihe-Derivate, die CDOs, geriet im Juni vollkommen ins Stocken; die JPMorgan Chase Bank berichtete, daß im Juni nur 3,7 Mrd. $ CDOs verkauft wurden, verglichen mit 42,3 Mrd. $ im Mai und viel höheren Summen im Vorjahr.
Weniger bekannt, aber für die Krisenlage weitaus bedeutsamer, ist der Krach auf dem Markt der „Ramschanleihen“ im Juli, der angeblich unerschöpflichen Quelle von Hochzinsanleihen, mit denen Banken und Hedgefonds Firmenübernahmen durch sog. Private Equityfonds („Heuschrecken“) finanzierten. Diese Junkbondmärkte sind von 10 auf nahezu 30% des gesamten Markts für Unternehmensanleihen angeschwollen. Allein in der ersten Jahreshälfte 2007 gab es Fusionen und Firmenaufkäufe im Volumen von mehr als 3 Bio. $ - eine noch höhere Rate als das Allzeithoch von 4 Bio. $ im gesamten Jahr 2006. Etwa 1,1 Bio. $ dieser Aufkäufe 2007 waren mit Ramschanleihen finanzierte „feindliche Übernahmen“ vor allem durch private Beteiligungsgesellschaften.
Doch die tatsächliche Finanzierung von 300 Mrd. $ oder mehr dieser feindlichen Übernahmen ist noch nicht abgewickelt; dieser Berg nicht verkaufter Ramschanleihen hängt jetzt den internationalen Banken, die die Übernahmen mit „billigen, unbegrenzten Krediten“ forcierten, am Bein. Finanzfachleute in Europa sagten gegenüber EIR, die Zinsen für Ramschschulden hätten in einer Woche um 1,5% angezogen, als die Banken - größtenteils erfolglos - versuchten, diese Anleihen auf den Markt zu werfen.
Wie der versierte Anleihenhändler William Gross, Chef der Pacific Investment Management Corp., am 25. Juli erklärte: „Der Kreditmarkt schwankt wie bei einem Erdbeben von 8,0 auf der Richterskala.“ Eine „schockartige Liquiditätskrise“ könnte diese Märkte in naher Zukunft treffen, sagte Gross.
Die Schwere des Problems wurde deutlich, als die Finanzfirma von General Motors, GMAC, eine 3,5-Mrd.-$-Anleihe zurückziehen mußte, nachdem der Mangel an Bietern für die Anleihe die voraussichtlichen Zinsen in die Höhe getrieben hatte. So etwas hat es bei den großen Autokonzernen noch nie gegeben.
In einer eigenen Analyse berichtete die Financial Times am 27. Juli, daß mindestens 180 Mrd. $ dieser nicht verkauften - und inzwischen unverkäuflichen - 300 Mrd. Übernahmeschulden in den Büchern der vier oben genannten führenden Investmentbanken stehen. Nach Schätzungen des Blattes haben es diese Banken nicht geschafft, 40 Mrd. $ (und nicht nur 22 Mrd. $) der Ramschanleihen in den letzten Wochen zu verkaufen.
Da diese Investmentbanken bei Kernkapital und Vermögenswerten bei weitem nicht so stark sind wie die Geschäftsbanken, die bis 2006 bei Ramschanleihen für Firmenübernahmen tonangebend waren, sind sie durch die Anhäufung von Hunderten Milliarden von Ramschschulden in eine höchst exponierte Lage geraten.
Die zweite große Gefahr bezieht sich auf die Realwirtschaft und die Beschäftigung in den führenden Nationen. Wenn Hedgefonds pleite machen, drohen reichen Anlegern und auch vielen öffentlichen Pensionskassen riesige Verluste. Private Anlagefonds, die nicht wie Hedgefonds Schulden auf Bareinlagen ihrer Anleger auftürmen, häufen riesige Schuldenberge, die durch ihre räuberischen Übernahmeaktivitäten entstanden sind, anderen Firmen auf. Und private Anlagefonds kontrollieren inzwischen Firmen, die 18% aller Arbeitskräfte im Privatsektor Großbritanniens und 20% der Arbeitskräfte im Privatsektor der Vereinigten Staaten, vor allem dem Automobilsektor, beschäftigen.
Ein erfahrener Londoner Finanzanalyst betonte am 22. Juli gegenüber EIR, daß der Kollaps der Schuldenblase aus diesem Grund zu Massenarbeitslosigkeit und erheblichen Störungen der übrigen realwirtschaftlichen Aktivitäten führen könne. Das wirkliche Risiko für das Weltfinanzsystem, so meinte der Analyst, sei die „Risikoumkehr-Mentalität“, die sich jetzt im weltweiten Bankensystem breit mache.
Paul Gallagher