Fehlkonstruktion Europa
Von Roger Köppel
Die EU krankt an institutionellen Schwächen. In Europa wächst das Problembewusstsein. Jüngste Mahnungen an die Schweiz sind realitätsfremd.
Die EU
ist ein seltsames Gebilde. Sie entstand auf dem Trümmerhaufen zweier Weltkriege.
Sie war das Stützkorsett, mit dem die geschundenen, von Krieg und fanatischen
Ideologien zerschlissenen Nationen wieder laufen lernten. Am Anfang sprach de
Gaulle von einem Europa der Vaterländer. Später sollte sich der Staatenbund zum
Bundesstaat entwickeln mit einer eigenen Währung, einer eigenen Flagge und einer
eigenen Verfassung.
Die Superstaatswerdung scheiterte an den Ambitionen ihrer Verfechter, die nicht
wussten, was sie wollten. In dem Mass, wie die EU ihre Aussengrenzen verschob,
verwässerte sich ihr politisches Mandat. So ist es im Kern bis heute dabei
geblieben: Die EU ist für die Franzosen ein Instrument zur Vergrösserung und
Behauptung ihrer Macht in Europa; der zum Bürokratengerippe entromantisierte
Rumpf des einstigen «Empire». Die Deutschen wiederum finanzieren mit zäh
erwirtschafteten Milliarden ein Projekt, dem sie innerlich teilnahmslos
gegenüberstehen, das ihnen aber nach dem Untergang des Nationalsozialismus so
etwas wie einen Vaterlandsersatz verschaffte.
Je länger die Gründung zurückliegt, desto unklarer wird der Auftrag. Die EU hat
keine scharfen Aussengrenzen. Die Türkei wird hingehalten. Soll man endgültig in
den Balkan ausgreifen? Wie nahe will man an Russland rücken? Gegen innen sind
noch mehr Fragen offen: Der Union fehlt eine klare Vorstellung ihrer Ziele,
ihrer Identität. Ihre Repräsentanten verneinen auf Anfrage, Brüssel wolle sich
zum Überstaat verdichten. Handkehrum werden neue Pläne geschmiedet, die
EU-Verfassung zu neuem Leben zu erwecken, die Kompetenzen der Zentrale
auszudehnen.
Der brave EU-Chefkommissar Barroso gibt entschlossen den Durchgreifer, doch auch
aus seinen Interventionen spricht Ratlosigkeit. Die Lissabon-Agenda sollte
ursprünglich die EU-Staaten im Rahmen einer Brachialliberalisierung nach vorne
katapultieren. Der Plan scheiterte. Neuerdings will Brüssel das Weltklima
retten. Die Problemverschiebung ist bezeichnend. Wer im Kleinen versagt,
flüchtet in die Grösse. So fahndet und forscht die Union nach sich selber, eine
Übung mit unklarem Ende, ein Selbsterfahrungsprojekt, das die Mitgliedstaaten
ungezählte Milliarden kostet.
In einem ausgezeichneten Artikel der letzten Welt am Sonntag hat der ehemalige
deutsche Bundespräsident Roman Herzog erstmals in dieser Klarheit auf die
gravierenden rechtsstaatlichen Unzulänglichkeiten der EU hingewiesen. «Die
Europäische Union gefährdet die parlamentarische Demokratie in Deutschland»:
Unter diesem Titel verwies der Verfassungsjurist auf schwere Demokratiedefizite
und auf die Unsitte europäischer Politiker, Gesetze «über die Bande» in Brüssel
zu spielen, um der Mühsal der parlamentarischen Kontrolle im eigenen Land zu
entgehen. Mittlerweile würden in Deutschland über 80 Prozent der Rechtsakte
durch die EU verabschiedet, ohne die erforderliche Abwägung auf der nationalen
Ebene.
Aus Schweizer Sicht besonders pikant ist ein anderer Befund des früheren
Staatsoberhaupts: Die europäische Rechtsprechung wird verfahrensmässig
hauptsächlich vom Ministerrat geprägt. In diesem Gremium sitzen
Exekutivpolitiker der EU-Länder, die in Brüssel zu Legislativpolitikern
mutieren. Mit andern Worten: Die sich selber als Garantin von Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit feiernde EU hebelt in ihrem Innern das Prinzip der
Gewaltentrennung aus, indem sie Vertretern der Exekutive ihre wesentlichen
Legislativfunktionen überträgt. Herzog resümiert: «Vor diesem Hintergrund
[gemeint ist die enorme Zahl der in Brüssel verabschiedeten Gesetze, Anm. d.
Red.] ist die Zwitterstellung des Ministerrats überaus problematisch.»
Die EU ist, man muss es nach diesen deutlichen Worten so zusammenfassen, eine
institutionelle Fehlkonstruktion, die der dringenden Überholung bedarf. Die
Schweiz hat gut daran getan, sich auf dem bilateralen Weg auf Distanz zu halten.
Alle Mahnungen und Appelle, man möge dies in Zukunft ändern, gehen an den
Realitäten vorbei. Es waren Signale wie aus einer anderen Welt, als der neue
EU-Botschafter in Bern, der Österreicher Michael Reiterer, den renitenten
Eidgenossen vorhielt, man könne nicht immer abseits stehen, irgendwann verliere
die EU die Geduld. Der raunende Diplomat verkannte die rechtsstaatliche
Sensibilität der Schweizer gründlich. Nicht die Eidgenossen haben ein
Verständnisproblem, wenn sie der EU skeptisch gegenüberstehen. Die EU wird
verstanden, aber nicht akzeptiert, weil ihr innerer Aufbau keinen Sinn ergibt.
Erst langsam, aber unaufhaltsam wächst innerhalb der EU-Staaten ein Bewusstsein
für die tiefwurzelnden Konstruktionsschwächen der Europäischen Union. Die
gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden habe eine
heilsame Verwirrung ausgelöst. Optimisten sehen erste Anzeichen einer
Neuorientierung der EU hin zu einer Freihandelszone mit schwachem politischem
Überbau. Es wäre eine Rückkehr zu der Tradition der deutsch-europäischen Hanse,
die schon einmal das Prinzip des Freihandels unter der Bedingung souveräner
Staaten ins Werk setzte. So einem Verbund könnte auch die Schweiz unter Wahrung
ihrer politischen Identität mühelos beitreten.
Für Sie gelesen in „Die Weltwoche“ Nr. 3 vom 18. Januar 2007
Johanna Haidvogl-Werder, Gelterkinden
Information Schweiz