Europäisches Terrornetz wiederbelebt

Von Dean Andromidas und Claudio Celani


- 2. Teil -

 

Die „neuen Roten Brigaden“

„Negris Ideen sind tot”, sagte Paduas Bürgermeister Zanonato den Medien. „Glücklicherweise wissen die meisten jungen Menschen heute überhaupt nicht, wovon er spricht.“ Umfragen würden in Padua wohl ähnlich ausgehen wie die in Kopenhagen, die wir letzte Woche erwähnten, wonach die Autonomen mehr Unterstützung bei alten „68ern“ haben als bei den jungen Generationen.

Die Mobilisierung der autonomen Disubbidienti hängt aber mit der Reaktivierung eines noch gefährlicheren Netzwerkes zusammen, dem der terroristischen Roten Brigaden, das wieder politische Morde vorbereitet. Am 12. Februar verhaftete die Polizei in Mailand, Turin, Padua und Triest 15 mutmaßliche Terroristen und gab bekannt, man habe eine Terrorzelle aus dem Umfeld der alten Roten Brigaden aufgedeckt. In den nächsten Tagen wurden noch mehr Personen verhaftet, einige allerdings später wieder freigelassen. Es sah so aus, als hätten die Terroristen lokal Gewerkschaften unterwandert, teilweise sogar auf der Führungsebene. Die Polizei sammelte Beweise dafür, daß die Zelle politische Morde plante; auf der Liste möglicher Opfer standen der Regierungsberater Pietro Ichino, der rechte Publizist Vittorio Feltri und sogar Oppositionsführer Silvio Berlusconi.

Insidern zufolge ist die Schlüsselfigur bei alldem ein gewisser Alfredo Davanzo, ein 50jähriger Veteran der „Seconda Posizione”, das ist die Nachfolgeorganisation der zweiten Generation der Roten Brigaden, die für die Ermordung Aldo Moros 1978 und andere Gewalttaten verantwortlich war. Davanzo lebte viele Jahre als Flüchtling vor der italienischen Justiz unter dem Schutz der Regierung in Frankreich. Als die Taten verjährt waren, ging er als freier Mann zurück nach Italien.

Er zog es allerdings vor, heimlich über die Schweiz nach Italien einzureisen. Dabei half ihm Andrea Stauffacher, die bekannte Anführerin der anarchistischen Gruppe „Revolutionärer Aufbau”. Stauffacher leitet auch das europäische Sekretariat eines Rechtshilfenetzwerks für Terroristen, „Rote Hilfe-Secours Rouge” (Internetseite www.rhi-sri.org). Dieses sammelt bereits Geld für die Gerichtskosten der geplanten Zusammenstöße mit der Polizei bei Anti-G8-Protesten.

Stauffacher, die derzeit auf Ersuchen der Mailänder Staatsanwaltschaft in Haft ist, half nicht nur Davanzo, unbemerkt über die Schweizer Grenze nach Italien zurückzukehren, sie lieferte auch anderen Mitgliedern der Terrorzelle technische Unterstützung bei Computermanipulationen und Hacker-Techniken.

Stauffacher arbeitete für die Anwaltskanzlei von Bernhard Rambert, einem Veteran des europäischen juristischen Unterstützungsnetzwerkes für Terroristen. Rambert war Anwalt des bekannten internationalen Terroristen Carlos und der Schweizer Terroristen Bruno Breguet, Marco Camenish und Giorgio Bellini. Im Archiv des DDR-Geheimdienstes Stasi fand sich eine Akte über Rambert, Codename „Herzog”, in der über ein konspiratives Treffen zwischen Rambert und Carlos in Ostberlin vom 20.-22. Dezember 1982 berichtet wird. 1981 trat Rambert, der die deutsche Terroristin Petra Krause verteidigte, bei einer öffentlichen Konferenz zusammen mit Otto Schily auf, dem späteren deutschen Innenminister, der Mitglied der Roten Hilfe und ebenfalls Rechtsanwalt von RAF-Mitgliedern war.

Stauffachers Verbindungen zu den italienischen Roten Brigaden sind langjährig und vielfältig. Der italienische Terrorist Nicola Bortone war viele Jahre lang ihr Lebenspartner. Bortone wurde 1989 in Frankreich verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er mußte aber die Strafe niemals absitzen, und obwohl er offiziell keine Aufenthaltserlaubnis hatte, wurde er nicht ausgewiesen, sondern konnte in Frankreich wohnen. 2002 wurde er wegen des Verdachts der Verwicklung in die Ermordung des Regierungsmitarbeiters Massimo D’Antona im Jahr 2000 in der Schweiz verhaftet und nach Italien ausgeliefert. Kürzlich wurde Bortone erneut verhaftet, als die Carabinieri ihn zusammen mit zwei jungen Schweizerinnen in einem Auto aufgriffen und sie alte Papiere der Roten Brigaden, Stadtpläne von Neapel, eine Kamera und Flugblätter in arabischer Sprache bei sich hatten. Bortones Söhne wohnen noch bei Stauffacher.

Die “French Connection”

Von Stauffacher führt die Verbindung nach Frankreich, wo in den letzten drei Jahrzehnten mehr als hundert italienische Terroristen Unterschlupf fanden und vor der italienischen Justiz geschützt wurden. Stauffachers Name ist in einem Pariser Verfahren unter Vorsitz von Richter Gilbert de Thiel gegen Giuseppe Maj und vier andere italienische Terroristen aufgetaucht. Maj wird verdächtigt, in den Mord am italienischen Regierungsberater Marco Biagi am 19. März 2002 verwickelt zu sein. In Majs Haus in Villejuif fand die Polizei Bekennerschreiben zu diesem Mord sowie gefälschte Papiere von Davide Bortolato, einem der Verdächtigen, die im Februar in Padua verhaftet wurden. Ein anderer von ihnen, Claudio Latino, war Majs rechte Hand. Latino hat sich in typischer Manier der Roten Brigaden zusammen mit Davanzo zum „politischen Gefangenen” erklärt.

In den Unterlagen des Prozesses in Frankreich wird erwähnt, daß Stauffacher am 14. März 2005 an einem Treffen in Paris teilgenommen habe, bei dem Giuseppe Maj, dessen Bruder Luigi und ein altes Mitglied der Terrorgruppe Kommunistische Kämpfende Zellen (CCC), der Belgier Bertrand Sassoye, anwesend gewesen seien.

Mit der „French Connection” schließt sich der Kreis von der Reaktivierung des harten terroristischen Kerns zur gewalttätigen Massenorganisation der Autonomen. Nicht nur Terroristen der Roten Brigaden fanden Zuflucht in Frankreich, auch die Autonomia-Führer Toni Negri und Oreste Scalzone. Sie genossen den Schutz der französischen Behörden, die alle Auslieferungsgesuche Italiens ablehnten. Als Ankläger Pietro Calogero aus Padua 1979 entdeckte, daß Toni Negri Verbindungen zu den Roten Brigaden hatte und eine Spur zu einer Sprachschule namens Hyperion in Paris führte, wurde dies kurz vor seiner geheimen Reise nach Paris in den Medien publik gemacht. Danach stellten die französischen Behörden die Zusammenarbeit ein.

Hyperion

Nach Aussage verschiedener Ermittler und anderer Quellen - u.a. des Gründers der Roten Brigaden und Zeugen Alberto Franceschini - diente die Sprachschule Hyperion der „allergeheimsten“ Führung der Roten Brigaden als Tarnung. Leiter des Zentrums war Corradio Simioni, und er wiederum war eine Marionette Edgardo Sognos, der zu einem Kreis von Offizieren und Oligarchen innerhalb der NATO gehörte und Mitglied der geheimen Freimaurerloge P2 war.

Sogno war Monarchist und wurde zum Antifaschisten, als die italienische Monarchie 1943 Mussolini fallenließ. Nach dem Krieg hing Sogno mit Allen Dulles und dem NATO-Hauptquartier in Paris zusammen, als Frankreich noch NATO-Mitglied war. Er gründete nach dem Vorbild der französischen antikommunistischen Organisation Paix et Liberté eine ähnliche Organisation in Italien, die ein geheimes Netzwerk aufbaute und einen Staatsstreich plante. Der Plan wurde 1974 aufgedeckt und Sogno wurde verhaftet, kam aber bald wieder frei.

Leute aus Sognos Geheimorganisation unterwanderten die jungen Roten Brigaden und übernahmen deren Führung, nachdem die ursprüngliche Führung, die sich nicht ganz kontrollieren ließ, verhaftet worden war. Die Roten Brigaden der Zeit nach 1974, deren Anführer Sognos Agent Mario Moretti war, verlegten sich auf gezielte politische Morde - den Höhepunkt bildete die Entführung und Ermordung Moros 1978. Die heutigen „neuen Roten Brigaden” sind, nach mehreren Spaltungen und Namensänderungen, Überreste von Morettis Organisation.

Über Simioni konnte Sogno sogar eine Frau in die Roten Brigaden holen, die vorher Privatsekretärin des NATO-Generalsekretärs Manlio Brosio, einem Mitglied von Sognos Geheimclub, gewesen war! Morettis Rote Brigaden wurden ebenso wie andere internationale Organisationen von Simionis Zentrale bei Hyperion in Paris aus gelenkt. Nachdem Moretti verhaftet wurde, hielt Giovanni Senzani die Verbindung zwischen Paris und Italien. Schließlich wurde auch Senzani verhaftet, aber es gelang den italienischen Ermittlern nie, die von den französischen Behörden errichtete Mauer zu durchdringen. Heute ist die Hyperion-Gruppe ein einzigartiges Phänomen, “mindestens 30 Personen, die seit Jahren zusammen sind und ihre Beziehungen immer innerhalb derselben Gruppe leben, fast wie eine Sekte”, wie es Franceschini formulierte. Und der Ankläger Rosario Priore, der mehrere Terrorismusermittlungen geleitet hat, schreibt: “Das Gehirn in Paris existierte (und lebt wahrscheinlich immer noch) und hat in Absprache mit Institutionen dieses Landes… Aufsichts- und Kontrollfunktionen, wenn nicht die Führung der vielfältigen Welt der Subversion ausgeübt.”

Während Hyperion italienische und andere terroristische Aktivitäten koordinierte, erhielt der flüchtige Autonomia-Gründer Toni Negri ein Lehramt an der Universität Paris VIII, die Anhänger Jean-Paul Sartres und Kumpane Negris wie Felix Guattari, Michel Foucault und Gilles Deleuze gegründet hatten. Letztendlich läßt sich dieser Auswuchs der existentialistischen 68er-Bewegung auf das oligarchische Projekt des Kongresses für Kulturelle Freiheit (CCF) im Europa der 50er Jahre zurückführen. In Frankreich selbst geht das Netzwerk zurück auf probritische synarchistische Strömungen, die den Vichy-Faschismus förderten und auch die Résistance unterwanderten.

 

Aus der Neuen Solidarität Nr. 12/2007