Neue Solidarität Nr. Nr. 29. vom 15.07.2009

 

Neue Enthüllungen über den Al-Yamamah-Apparat

 

Eine Klage der Familien der Opfer des 11. September 2001 hat einen Schatz aufschlußreicher Dokumente über den imperialen anglo-saudischen „BAE-Al-Yamamah“-Apparat zutage gefördert.

 

Wie die New York Times am 24. Juni berichtete, erhielten Anwälte von Familien der Opfer des 11. September 2001 in den USA Zugang zu Tausenden von Seiten bisher unveröffentlichter Dokumente, worin die Finanzierung von Al-Kaida und den Taliban durch Mitglieder des saudischen Königshauses vor den Anschlägen belegt wird.

Einige dieser Dokumente, darunter Berichte des US-Finanzministeriums, wurden aufgrund des amerikanischen Gesetzes über die Freiheit der Information (FOIA) freigegeben. Andere, darunter vertrauliche amerikanische und deutsche Geheimdienstberichte, wurden den Anwälten der Familien zugespielt, und nun wird vor Gericht darum gestritten, ob dieses Material veröffentlicht werden darf. Kopien einiger dieser immer noch unter Geheimhaltung stehenden Dokumente liegen auch der New York Times vor, was es der Regierung sehr schwer macht, die neuen Enthüllungen zu unterdrücken.

Ein Schlüsseldokument, das letzten Monat in den Akten der Sonderkommission zum 11. September entdeckt wurde, bestätigt, daß ein bekannter saudischer Geheimdienstoffizier, Omar Al-Bayoumi, eng mit zwei Flugzeugentführern des 11. September, Nawaf Al-Hazmi und Khalid Al-Mihdhar, zusammenarbeitete. Das Dokument der Kommission, ein „Memorandum für die Akten“ vom 23. April 2004, enthält die Zusammenfassung eines Gesprächs zweier Mitarbeiter der Kommission, Quinn John Tamm und Dietrich Snell, mit einem namentlich nicht genannten FBI-Informanten („Dr. X“), einem Mann aus dem Raum San Diego, bei dem die beiden Entführer im Jahr 2000 längere Zeit gewohnt hatten.

In dem Memorandum heißt es: „Dr. X erklärte, daß Omar Al-Bayoumi auch Al-Hazmi in seinem Haus besuchte. Dr. X kannte Al-Bayoumi als saudischen Staatsangehörigen, er hatte ihn am ICSD [Islamischen Zentrum San Diego] kennengelernt. Al-Bayoumi sagte während seines Besuches zu Dr. X: ,Ich habe sie [Al-Hazmi und Al-Mihdhar] zu Ihnen geschickt.’ Dr. X erklärte hierzu, dies sei nicht der Fall gewesen, sondern er habe die beiden nach dem Freitagsgebet auf dem Korridor des ICSD kennengelernt.“

In dem Memorandum heißt es weiter: „Al-Hazmi mochte Al-Bayoumi nicht und sagte Dr. X., Al-Bayoumi sei ein ,saudischer Agent’. Al-Hazmi habe sich bei Dr. X darüber beschwert, daß Al-Bayoumi ständig Videoaufnahmen von Personen mache, die mit dem ICSD zu tun hatten. Dr. X bemerkte, das sei auch seine Erfahrung gewesen, wenn er an Veranstaltungen des ICSD teilnahm. Dr. X sagte, Al-Bayoumi habe immer seinen Videorekorder dabei gehabt und versucht, Äußerungen, die am offenen Mikrofon gemacht wurden, aufzunehmen. Dr. X sagte: „Ich habe gehört, daß Al-Bayoumi ein Agent [der Saudis] ist.“

Aus anderen Dokumenten der Kommission zum 11. September und aus einem vom Weißen Haus unter George W. Bush unterdrückten 28seitigen Bericht über die Verwicklung von Al-Bayoumi und Osama Basnan (eines weiteren saudischen Geheimdienstoffiziers) in die Finanzierung der beiden Flugzeugentführer von der Westküste geht der größere Zusammenhang hervor. Prinz Bandar Bin-Sultan, der damalige saudische Botschafter in den Vereinigten Staaten, und seine Ehefrau, Prinzessin Haifa, zahlten etwa 50-70.000 Dollar an Al-Bayoumi, der wiederum einen Teil des Geldes an Al-Hazmi und Al-Mihdhar weitergab, um ihre Miete und ihren Flugunterricht vor den Anschlägen des 11. September zu finanzieren. Prinzessin Haifa ist die Schwester von Prinz Turki Bin-Faisal, der zur Zeit der Anschläge Chef des saudischen Geheimdienstes war und kurz nach dem 11. September 2001 plötzlich zurücktrat. (Am 22. Juni trafen einige Mitglieder der Familien der Opfer des 11. September mit Präsident Obama zusammen, und sie berichteten, er habe zugesagt, das umstrittene 28seitige Dokument aus dem Untersuchungsbericht des Kongresses über den 11. September, das das Weiße Haus unter Präsident Bush als „streng geheim“ eingestuft hatte, zu veröffentlichen.)

Hier kommen London und der Skandal um Bandar und den britischen Rüstungskonzern BAE ins Spiel. Wie weithin berichtet wurde, kassierte Prinz Bandar mindestens 2 Mrd. Dollar Schmiergeld für seine Vermittlerdienste beim Al-Yamamah-Tauschgeschäft (Waffen gegen Öl), das ursprünglich 1985 zwischen Premierministerin Margaret Thatcher und den Saudis geschlossen wurde und seither weiterlief. Im Rahmen dieses Geschäfts wurde eine „schwarze Kasse“ von ca. 100 Mrd. Dollar für verdeckte Geheimdienstoperationen eingerichtet, und man vermutet, daß daraus Gelder stammen, die an Bandar gezahlt wurden und an Entführer des 11. September weiterflossen.

Die Dokumente, die die Anwälte der Opferfamilien des 11. September erhalten haben, betreffen vor allem saudische „Almosen“, die an Al-Kaida und an die Taliban flossen, aber die schwarze Kasse aus dem BAE-Al-Yamamah-Geschäft ist der eigentliche Skandal. Nach Angaben eines hochrangigen US-Geheimdienstbeamten gibt es deutliche Hinweise darauf, daß ein Teil der BAE-Schmiergelder, die an Bandar flossen, dazu genutzt wurde, mindestens zwei der Entführer des 11. September zu finanzieren. Aber eine genauere Untersuchung wurde vom Weißen Haus unter Bush und Cheney jahrelang unterbunden.

Schon am 29. Juni 2007 hatte EIR diesen Komplex Bandar-BAE-11.September beschrieben und Nawaf Al-Hazmi und Khalid Al-Mihdhar als zwei der Entführer identifiziert, die wichtige Unterstützung von saudischen Geheimdienstleuten erhielten, seit sie Anfang des Jahres 2000 in Los Angeles eintrafen. Vor dem 11. September lebten auch die saudischen Agenten Basnan und Al-Bayoumi zeitweise im selben Wohnungskomplex in San Diego, den Parkwood Appartments, wie die beiden Entführer. Der frühere demokratische Senator Bob Graham, der zur Zeit der Untersuchung der 11. September-Anschläge den Geheimdienstausschuß des Senats leitete, hat dem FBI vorgeworfen, es habe nicht gründlich genug untersucht, wie im Zusammenhang mit den Anschlägen die Gelder flossen. Sowohl er als auch sein Stellvertreter im Ausschuß, der republikanische Senator Richard Shelby, beschwerten sich bitter, das FBI erlaube dem Untersuchungsausschuß nicht, die FBI-Agenten zu befragen, die Basnan und Al-Bayoumi kurz nach dem 11. September verhört hatten.

Daß die beiden Entführer in der Wohnung eines FBI-Informanten wohnten, der das FBI auch darüber unterrichtete, ist ein hochbrisanter Aspekt, der bisher vertuscht wurde. Die Tatsache, daß ausgerechnet der damalige FBI-Direktor Louis Freeh heute als Anwalt Prinz Bandar in dessen Schmiergeld-Prozeß vertritt, dürfte für die weitere Untersuchung der Wahrheit hinter den Anschlägen des 11. September ebenfalls von großer Bedeutung sein.

Jeffrey Steinberg