Aus der Neuen Solidarität Nr. 15/2008

 

Die große Lüge zurückweisen

Der Öffentlichkeit wird erzählt, die Zentralbanken druckten soviel Geld, um das System über Wasser zu halten und die Bürger zu schützen. Tatsächlich versuchen sie, soviel Geld wie möglich auf Kosten der Bürger aus dem untergegangenen Finanzsystem zu retten.

Alles, was man in den führenden Zeitungen über die Wirtschaftslage zu lesen bekommt, ist verkehrt und repräsentiert entweder absichtliche Unwahrheiten oder einen Mangel an Kompetenz - und oft genug beides. Wir leben gewissermaßen in einem „1984“, wo die Abteilungen für „Neuigkeiten“ zu Propagandaarmen der Elite geworden sind. Die wirklichen Entscheidungen, die Leben und Zukunft der Nation betreffen, werden in den Salons und Chefetagen der Banken und Unternehmenskartellen gefällt und dann von ihren dafür bezahlten Politikern umgesetzt. Eine leichtgläubige Öffentlichkeit wird also mit einem ständigen Strom an Berichten über Aktienmärkte und falsche Wirtschaftsstatistiken gefüttert, während gleichzeitig die Weltwirtschaft zerfällt und die Finanziers versuchen, die verschiedenen Brandherde zu ersticken und an fiktiven Werten zu retten, was nur irgendwie zu retten ist.

Die große Ironie ist, daß die Leute nicht mehr alles an ihnen aufgetischtem Unsinn glauben. Sie wissen, daß ihnen Lügen erzählt werden, weil sie in einer verfallenden Welt leben. Die Lügen aber halten sie weiter in einem Zustand der Lähmung. Die Herausforderung heißt nicht „wissen“, sondern handeln; den Bankiers ist es egal, ob man weiß, was sie tun, so lange sie nur nicht daran gehindert werden.

 

Die entblößten Hinterteile

Der Fall Bear Stearns ist für diese Entwicklung exemplarisch. Ungefähr vor einem Jahr begann der sichtbare Zusammenbruch der Banken, der sich an den Verlusten auf dem Markt minderwertiger Hypotheken zeigte. Im letzten Sommer fing dann mit dem Zusammenbruch zweier Hedgefonds von Bear Stearns der globale Wertpapiermarkt an, sich festzufressen. Im Juli des vergangenen Jahres war das globale Finanzsystem so gut wie kollabiert, und die Auswirkungen dieses Zusammenbruchs begannen sich ihren Weg durch die Bilanzen der einzelnen Finanzinstitutionen und Spekulanten zu bahnen.

Im Juli vergangenen Jahres hörte das globale Finanzsystem auf, zu existieren, aber von Bankiers, Behörden und anderen Großkopferten war darüber in der Öffentlichkeit so gut wie nichts zu erfahren. Von ihnen war zu hören, daß es sich nur um ein kleineres Problem handele, einen zyklischen Rückgang, über den man sich keine Sorgen zu machen brauche. Sie hätten alles unter Kontrolle, was leider nicht der Wahrheit entsprach, und die Schlaueren unter ihnen waren sich dessen sehr wohl bewußt.

Mit dem Absterben verschiedener Elemente des Systems verschlimmerte sich in den darauffolgenden Monaten die Situation. Um das vor der Öffentlichkeit zu verbergen, wurde die Geschichte von der „Kreditknappheit“ erfunden. Damit wurden die Phänomene des sich abspielenden Zusammenbruchs erklärt, gleichzeitig aber behauptet, die Grundlagen des Systems seien eigentlich solide. Gegen Ende des Jahres fing diese Geschichte an zu stinken. Mit der Notwendigkeit konfrontiert, für die Jahresabschlußberichte die Bilanzen zu schönen, weiteten die Zentralbanken ihre Geldspritzen aus und fingen an, schlechte Papiere als Sicherheit für geliehenes Geld zu akzeptieren. Durch diese Maßnahmen schafften es die großen Banken und Wertpapierfirmen, den Jahreswechsel zu überstehen und den Eindruck zu erwecken, sie seien einigermaßen gesund.

Durch die Zentralbanken künstlich am Leben erhalten, hofften die großen Institutionen - die Muttergesellschaften von Banken, Handelsbanken, Investmentbanken und die verschiedenen Hedge- bzw. Private Equity-Fonds - das erste Quartal 2008 zu überstehen. Doch es sollte nicht sein. Trotz noch nie dagewesener Interventionen durch die Zentralbanken scheiterte mit Bear Stearns eine der größten Investmentbanken der Welt. Trotz aller Interventionen, trotz der Billionen, die über verschiedene Wege, und zwar sowohl legale als auch illegale, in das System gepumpt wurden, brach die Bankenkrise offen aus und zwang die Arbeitsgruppe des Präsidenten für die Finanzmärkte (das sogenannte Plunge Protection Team, PPT) zu einer Rettungsaktion.

Da somit die entblößten Hinterteile (bare sterns) für alle sichtbar sind, sollte man meinen, daß die Wahrheit nun herauskommt, oder? Wenn es nach den Bankiers geht, dann noch lange  nicht. Sie bewegten sich - für sich genommen - nur in die nächste Phase der großen Lüge und behaupten, daß die Aktion des PPT, einen Notkredit an Bear Stearns und dann eine Notübernahme zu organisieren, in der Absicht unternommen wurde, das System vor einem möglichen kettenreaktionsartigen Zusammenbruch zu retten.

Aber das System ist tot, und die Zentralbanken werfen Billionen an Dollars oder Euros öffentlicher Gelder in das Faß ohne Boden, womit sie die lebendigen Toten bewegungsfähig halten wollen. Der Öffentlichkeit wird erzählt, daß das alles nur geschehe, um das System über Wasser zu halten und so die Bürger zu schützen. Das ist eine Lüge, die so groß und so dreist ist, daß Josef Goebbels im Jenseits wohlwollend lächelt.

Lügen und Realitätsverweigerung mögen angesagt sein für die Öffentlichkeit, aber hinter den Kulissen herrschen Panik und Bösartigkeit. Der Kollaps der Wertpapiermärkte, angefangen bei den risikoreichsten Anlagen, ist atemberaubend und ein ernüchterndes Anzeichen für ihre innere Zerfressenheit, die jetzt an die Oberfläche kommt. Das zeigt sich in vielfältigen Statistiken, die die Talfahrt auf den Derivatmärkten belegen, den Märkten für Schulden, den Märkten für hypothekenbesicherte Wertpapiere, bei Ramschanleihen, Konsortialanleihen, Krediten im Zusammenhang mit fremdfinanzierten Firmenaufkäufen und bei verschachtelten Finanzierungen aller Art. Diese Finanzjongliertricks haben in den letzten Jahren das System noch flüssig gehalten. Wenn das System von der fortgesetzten Anwendung solcher Tricks abhängt, bedeutet die allgemeine Talfahrt aller Trends den vorhersehbaren Tod, wie Lyndon LaRouche schon im Juli letzten Jahres sagte. Die Musik hat aufgehört zu spielen, die Party ist zu Ende.

Schuld haben die Regierungen

Eines der dreistesten Argumente, die dieser Tage in der bankrotten Finanzwelt zirkulieren, ist das der vermeintlichen Schuld der Regierungen an der Krise, weil sie die Finanzmärkte zu sehr reguliert hätten! Die US-Regierung habe in der Zeit nach Enron überreagiert, als sie strikte Marktbewertungsregeln durchsetzte, die Institutionen und Investoren unnötigerweise zu Wertberichtigungen gezwungen hätten, behaupten diese Narren. Enthalten in diesem Argument ist die Vorstellung, die gegenwärtige Krise sei zyklisch und wir müßten nur ausharren, bis der Sturm vorüber ist, um dann in einer wieder „normalen“ Lage so weiterzumachen wie bisher

Einige Behauptungen sind so absurd, daß sie schon wieder komisch sind. So versucht die International Swaps and Derivatives Association (ISDA, die Dachorganisation für den Derivatehandel), Derivate mit Motorfahrzeugen zu vergleichen, um herauszustellen, daß wir ja nicht die Autos für die Verkehrsunfälle verantwortlich machen können. Nach dieser Logik haben dann wohl auch Kasinos nichts mit Glücksspiel zu tun.

Martin Sullivan, der Chef des Versicherungsgiganten AIG, argumentiert, es sei verkehrt, Unternehmen in einem „illiquiden Markt“ zu Neubewertungen nach Marktpreisen zu zwingen. Wer käme auch auf den Gedanken, daß seine Äußerung irgend etwas mit den 11 Mrd. Dollar an überbewerteten, spekulativen Papieren zu tun hatte, die AIG vor kurzem wertberichtigen mußte, womit es den größten Quartalsverlust seiner Geschichte verzeichnete.

Bewertung nach Marktpreisen bedeutet, daß jeder, der Wertpapiere besitzt, für die sich ein Preis auf dem entsprechenden Markt etabliert hat, seine Papiere nach diesem Marktpreis bewerten muß. Für Aktien, deren Preis sowieso jeden Tag neu an der Aktienbörse festgesetzt wird, ist das kein Problem. Kommt man allerdings in den Bereich der exotischen Wertpapiere wie z.B. die unteren Tranchen von hypothekenbesicherten Wertpapieren (CDOs) und ähnlichem, so sind diese Papiere so spezifisch angepaßt, daß nur das Unternehmen, das sie geschaffen hat, einen akkuraten Preis festsetzen kann. Dieses Unternehmen hat dann allerdings ein starkes Eigeninteresse, den Preis so hoch wie möglich festzusetzen. Das Resultat ist eine Masse an Wertpapieren, die nie und nimmer den behaupteten Preis wert waren, selbst wenn man inflationierte Marktpreise zugrundelegt. Sullivan und ähnlich argumentierende Menschen sagen eigentlich nichts anderes, als daß der Kollaps nie passiert sei und man wieder zu den alten Phantasiebewertungen zurückkehren könne. „Vogel Strauß“ läßt grüßen.

Das Britische Empire

Es ist auch nicht überraschend, daß die Rufe nach Regulierung, die auf „Prinzipien“ basieren sollen, aus dem Britischen Empire kommen. Aber dahinter verbirgt sich nichts weiter als noch weitergehende Deregulierung unter neuem Deckmantel. Das Britische Empire ist entschlossen, die Vormachtstellung einer kleinen Elite über den Rest der Menschheit durchzusetzen, und sein Verrätertum gegen jede Nation, die den Fehler beging, dem Empire zu trauen, ist eine geschichtlich belegte, notorische Tatsache.

Die Briten waren die führenden Verfechter der Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten, die sie mit ihren Verbündeten in den USA drängten, ihr anglo-holländisches liberales Modell anzunehmen. Diese Nachahmung des parasitären Modells der Londoner City hat die US-Wirtschaft zerstört und machte es möglich, daß sie von den als Globalisierung bekannten imperialen Umtrieben übernommen wurde. Ein anderes Wort für Globalisierung ist Faschismus.

Nun drängen die Briten die USA, ihren bankrotten Finanzinstitutionen aus der Klemme zu helfen, d.h. den Parasiten auf Kosten realer Werte zu schützen. Das sei absolut nötig, sagen sie: Jetzt müsse man zunächst das System retten, später könne man dann immer noch alles innerhalb des Systems in Ordnung bringen. Das ist ein Rezept für den nationalen Selbstmord und den Tod des auf dem Dollar beruhenden Systems. Das Resultat davon wird allerdings nicht Stabilität sein, sondern Hyperinflation, bei der der Wert des Dollar weiter kollabieren und den Rest der Welt mit herunterziehen wird. Wird diese Politik fortgeführt, dann sind die USA auf dem besten Wege, am eigenen Leib zu erleben, was Deutschland in der Weimarer Republik durchgemacht hat. Und die „lieben Freunde“, die Briten, sind sich darüber völlig im Klaren.

 

Zeit für die Wahrheit

Abraham Lincoln zu seiner Zeit beobachtete einmal, daß sich alle eine Zeit lang für dumm verkaufen lassen, und einige sogar für alle Zeiten, nicht aber alle für immer und alle Zeiten. Auch Lincoln hatte es mit einem britischen Angriff auf die Vereinigten Staaten zu tun, ausgeführt durch Londons Figuren in den Südstaaten. Aber er baute auf Vernunft, Anstand und Überlebenswillen des amerikanischen Volkes. In diesem Kampf gab Lincoln sein Leben, aber er gewann den Krieg und rettete die amerikanische Republik.

Heute ist die Kraft der Vernunft einer großen Anspannung und Belastung ausgesetzt. Sie wird von einer massiven Propagandamaschine angegriffen, die alles, was es noch an Resten des amerikanischen Systems gibt, ausmerzen und die Bevölkerung in ängstliche, kleine Bauerntölpel verwandeln will, die die amerikanische Republik und ihre Prinzipien für leere Versprechungen von Sicherheit und Reichtum aufgeben. Bankiers und Regierung schlagen eine Finanzrettungsaktion für die Banken im Namen des Schutzes der Bürger vor. Im Namen des „Kampfes gegen den Terror“ kopiert unsere eigene Regierung das Modell der britischen, „gläsernen“ Gesellschaft und besteht auf ihrem Recht, jeden zu jeder Zeit überwachen zu dürfen. Wenn man nichts zu verbergen hat, dann braucht man sich auch keine Sorgen zu machen, sagen sie, und rechtfertigen damit die Errichtung eines Polizeistaats im Namen des Schutzes der Freiheit. Glaubt wirklich jemand, sie täten dies, weil ihnen die gewöhnlichen Bürger etwas wert und wichtig wären?

Die Große Lüge funktioniert nur, wenn „kleine Leute“ sie akzeptieren, weil sie zu ängstlich sind, aufzustehen und für die Wahrheit zu kämpfen. Die Möglichkeit wirklicher Freiheit aber liegt jenseits dieses psychologischen Käfigs in dem in der amerikanischen Verfassung enthaltenen Versprechen von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glückseligkeit. Die Geschwindigkeit, mit der der Mensch sich vom ersten Flug auf der Erde zur Landung auf dem Mond entwickelte, war Ausdruck einer normalen und positiven Phase. Und der erste Schritt zur Wiederbelebung dieser Tradition ist die Zerschlagung der großen Lüge und der Häßlichkeit, die sich hinter ihr verbirgt.

John Hoefle